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Architektur ist unausweichlich

Frau Czerner, was halten Sie von der Beteiligung der Bürger an der Neugestaltung des Hamburger Domplatzes im Allgemeinen und unseren Internetdiskurs im Besonderen?

Ich finde die Idee außergewöhnlich gut und glaube, das ist der einzige Weg, um an dieser empfindlichen Stelle in der Stadt etwas zu entwickeln und dann später umzusetzen, was geerdet ist und zur Philosophie Hamburgs passt. Hamburg ist traditionell eine Bürgerstadt, in der immer schon wichtige Entscheidungen in einem größeren Forum diskutiert worden sind. Die Gestaltung des Domplatzes zu einem Bürgerprojekt zu machen, finde ich hoch spannend. Dass es möglich ist, in der Kooperation zwischen Bürgern, Planern und Architekten erstklassige Architektur zu realisieren, die dann später auch die entsprechenden Anerkennung bekommt, ist oft genug schon bewiesen worden.

Können Sie uns solche Projekte nennen?

Ja, z.B. unser gerade fertiggestelltes Projekt die Mühlenauhöfe in Hamburg Eidelstedt. Dort wurde auf einem Grundstück an der Kieler Strasse, über dessen Nutzung im Vorfeld sehr kontrovers diskutiert worden war, gemeinsam mit einer Bürgerinitiative und Vertretern aller im Bezirk Eimsbüttel vertretenen Fraktionen im Rahmen eines Agenda 21 Projekts gearbeitet. Die Bürgerbeteiligung war für alle eine sehr positive Erfahrung. Wir haben in Workshops unsere ersten städtebaulichen Ideen präsentiert und dann immer wieder mit allen Beteiligten diskutiert, weiterführende Entwicklungen für die Entwürfe gesucht und gefunden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und zum Schluss waren alle zufrieden: die Bürger, die Bewohner, die Politiker, die Genossenschaften als Bauherren und somit natürlich auch
unser Architekturbüro.

Ein anderes Beispiel ist ein altes 60er Jahre Laubenganghochhaus in der Norderreihe in Hamburg Altona. Für die Aufgabe der Sanierung und Revitalisierung haben wir den Architekturwettbewerb gewonnen. Unseren Entwurf haben wir dann aber nicht einfach realisiert sondern gemeinsam mit dem Bauherren BVE wurde das Gespräch mit den Anwohnern gesucht, der Entwurf vorgestellt, diskutiert und so  haben wir damit gute Hinweise für die Realisierung bekommen. Unser Wettbewerbsbeitrag ist dadurch definitiv abgesichert und geprüft worden . Dieses Projekt wurde jetzt gerade auf der internationalen  Plattform von German Architects als Projekt der Woche ausgewählt.

Die Kooperation von Bürgern, Politikern, Planern und Architekten — ist das Ihrer Ansicht nach ein Modell für zukunftsfähige Stadtplanung?

Ich finde, dass eine neue Form der Kooperation gefunden und erarbeitet werden muss. Derzeit wird ein Grossteil der neugebauten rationalistischen Architektur von vielen Mensch als distanziert, kalt und negativ empfunden. Das ist allerdings nicht neu. Schon in den 1960er und 70er Jahren wurden viele Neubauquartiere geschaffen, in denen sich einfach niemand wohl fühlt. Wenn wir neue Strukturen für die Realisierung von Städtebau und Architektur schaffen, die die Bürger und ihren grundsätzlichen Anspruch zum sich „Wohlfühlen“ aktiv in den Planungsprozess einbeziehen, ist das eine große Chance. In einigen Architektenkreise wird bei dem Stichwort Bürgerbeteilung oft dicht gemacht, und es wäre notwendig, dass diese Vorurteile überwunden werden. Die Frage ist doch, wie können wir mit unserer Umwelt und auch mit unserer neu geschaffenen Umwelt — nichts anderes ist ja Architektur — so umgehen, dass wir die Situationen in den Städten für die Menschen verbessern, auch emotional. Ein Weg dahin wäre, dass Architekten ihre Entwürfe öffentlich vorstellen, präsentieren und mit einer aktiven Bürgerbeteiligung rechtzeitig vor Realisierung diskutieren, überprüfen  und dann weiterentwickeln.  Die Notwendigkeit zur Bürgerbeteiligung und zum Dialog ergibt sich letztlich schon aus dem Umstand, dass man der Architektur nicht entgehen kann. Insofern ist Architektur nicht „nur“ Kunst, sondern viel mehr. Wenn Sie 12-Tonmusik nicht mögen, müssen Sie sich diese nicht anhören. Architektur ist dagegen unausweichlich — sie ist immer präsent- ohne Wahlfreiheit. Entsprechend groß ist unsere Verantwortung als Architekten, für Menschen positiv wirkende Lebensräume zu schaffen.

Frau Czerner, herzlichen Dank für das Gespräch.




















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